Springe zum Hauptinhalt

Ans Übermorgen denken: Verbandstag setzt Impulse für starke Städte im modernen Staat

vhw Verbandstag 2026 im ehemaligen Staatsratsgebäude Berlin
24. Sept., 2026
Ankernavigation überspringen

Der modernisierte Staat soll schneller und wirkungsvoller politische Herausforderungen meistern und auch auf diesem Weg die Demokratie stärken. Was bedeutet das für die Kommunen? Welche Handlungsspielräume brauchen sie, um auf lokale Probleme reagieren zu können? Und wie lassen sich all die politisch formulierten Ansprüche im Stadtumbau einlösen? Über diese Themen diskutierten auf dem vhw-Verbandstag 2026 in Berlin – zum 80. Geburtstag des vhw – rund 200 Gäste aus Politik, kommunaler Praxis, Wissenschaft und Planung.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Staatsmodernisierung braucht starke Kommunen: Ohne handlungsfähige Städte und Gemeinden ist kein moderner Staat möglich. Bund, Länder und Kommunen sollten partnerschaftlich zusammenarbeiten und Kommunen bei der Gesetzesentwicklung beteiligt werden.
  • Kommunale Handlungsfähigkeit erfordert Reformen auf mehreren Ebenen: Neben finanzieller Unterstützung müssen Kommunen eigene Reformangebote machen, ineffiziente Strukturen abbauen und sich stärker an Wirkungsorientierung ausrichten.
  • Gute Stadtentwicklung entsteht nicht nur aus Visionen, sondern auch durch die Qualität der konkreten Arbeit vor Ort. Infrastruktur und öffentliche Räume müssen zuverlässig geplant und umgesetzt werden.
  • Stadtumbau scheitert oft an Kleinteiligkeit: Bei fragmentierten Eigentumsstrukturen und Innenentwicklung gerät die Quartiers- und Stadtebene aus dem Blick; stärkere Kooperationen zwischen öffentlicher Hand und privaten Eigentümern sind notwendig.

Dr. Peter Kurz, Verbandsratsvorsitzender des vhw, hob in seiner Begrüßung den besonderen, durchaus beziehungsreichen Ort hervor: das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR. Er betonte, hier über Staatsmodernisierung an einem Ort sprechen, der selbst für das Scheitern an mangelnder Modernisierung steht: an der Unfähigkeit, Veränderungen wahrzunehmen, Realität anzunehmen und angemessen darauf zu reagieren. Zugleich verweise die heutige Nutzung als European School of Management and Technology (ESMT) auf Fragen von Wissen, Bildung, Führung und Management unter Unsicherheit; Themen, die auch für den vhw zentral sind.

Handlungsspielräume in der modernisierten Kommune

Die zentrale These des Vortrags von Burkhard Jung, Präsident des Deutschen Städtetags und Oberbürgermeister von Leipzig, lautete: Ohne starke Städte ist kein handlungsfähiger Staat zu machen. Staatsmodernisierung dürfe deshalb nicht nur aus der Perspektive von Bund und Ländern oder als Verwaltungsreform gedacht werden. Für Bürgerinnen und Bürger zeige sich der Staat vor allem vor Ort: bei Fragen zu Wohnen, Bildung, Sicherheit, Infrastruktur, Mobilität oder sozialen Leistungen. Städte seien damit der konkrete „Erlebnisort“ des Staates und zugleich der „Ernstfall der Demokratie“. Hier erleben Menschen unmittelbar, ob Verwaltung funktioniert, Probleme gelöst und ihre Anliegen ernst genommen werden. Daraus entstehe Vertrauen – oder es gehe verloren.

Burkhard Jung, Präsident des Deutschen Städtetags, beim vhw-Verbandstag 2026
Burkhard Jung, Präsident des Deutschen Städtetags, beim vhw-Verbandstag 2026

Moderne Staatsorganisation müsse deshalb stärker von unten nach oben gedacht werden. Bund, Länder und Kommunen sollten nicht hierarchisch, sondern partnerschaftlich zusammenarbeiten. Kommunen sollten bereits bei der Entwicklung von Gesetzen und Förderprogrammen beteiligt werden, weil sie wissen, wie Regelungen praktisch wirken. Bürokratie, Doppelprüfungen und übermäßige Nachweispflichten müssten reduziert werden. Auch Digitalisierung solle nicht lediglich analoge Bürokratie digital abbilden. Lösungen müssten mit Kommunen entwickelt werden; Städte sollten Reallabore und Entwicklungspartner sein. Staatsmodernisierung sei daher vor allem eine kulturelle Aufgabe: Sie brauche Vertrauen, Beteiligung und Mut zum Experimentieren.

Panel I – Kommunen stärken: Handlungsspielräume in der modernisierten Kommune

Im Mittelpunkt der ersten Panel-Diskussion stand die Frage, wie Kommunen angesichts wachsender Aufgaben, steigender Erwartungen und knapper werdender finanzieller und personeller Ressourcen handlungsfähig bleiben können. Céline Lauer (vhw) eröffnete das Panel mit dem Ziel, Wege zu finden, wie Kommunen wieder stärker gestalten und damit auch Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger gewinnen können. Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal a. D., und Dr. Peter Kurz, Oberbürgermeister der Stadt Mannheim a. D., betonten übereinstimmend, dass die aktuellen Herausforderungen nicht allein kommunal gelöst werden können.

Peter Kurz verwies auf die historische Dimension der kommunalen Finanzprobleme. Kurzfristige Einsparungen könnten diese nicht lösen. Die Städte und Gemeinden bräuchten deshalb finanzielle Unterstützung, gleichzeitig müssten sie aber eigene Reformangebote machen. Uwe Schneidewind plädierte dafür, dass Kommunen sich nicht ausschließlich als Opfer fehlender Mittel verstehen. Auch auf kommunaler Ebene gebe es ineffiziente Strukturen, hohe Standards und dysfunktionale Prozesse. Als Gedankenexperiment schlug er vor, sich eine „Stadt mit halbem Budget und halbem Personal“ vorzustellen. Dies könne helfen, systematisch zu prüfen, welche Aufgaben, Standards und Verfahren tatsächlich notwendig sind.

Céline Lauer im Gespräch mit Prof. Dr. Uwe Scheidewind (r.) und Dr. Peter Kurz
Céline Lauer im Gespräch mit Prof. Dr. Uwe Scheidewind (r.) und Dr. Peter Kurz

Ein weiterer Schwerpunkt war die Wirkungsorientierung. Schneidewind und Kurz kritisierten, dass staatliches Handeln in Deutschland häufig über Aufgaben, Verfahren, Normen und deren korrekte Einhaltung definiert werde, während die tatsächlichen Ergebnisse weniger Aufmerksamkeit erhielten. Entscheidend müsse vielmehr sein, welche Wirkung eine politische Maßnahme erzielt. Problematisch sei zudem, dass erfolgreiche kommunale Modelle bislang nur selten systematisch skaliert werden. Beide Diskutanten plädierten daher für ein stärkeres Zusammenspiel von kommunaler Eigenverantwortung und übergeordneten Rahmensetzungen. Reallabore und Experimentierklauseln könnten zunächst den besonders innovationsbereiten Kommunen größere Spielräume geben. 

Im Gespräch ging es weiter um die Frage, wie Kommunalverwaltungen handlungsfähiger werden können. Uwe Schneidewind verwies darauf, dass Verwaltungen gerade in Krisen gezeigt hätten, wie engagiert und leistungsfähig viele Beschäftigte sind. Gleichzeitig habe die öffentliche Verwaltung durch mehrere Krisen erhebliche Kapazitäten verloren und müsse organisatorisch agiler und resilienter werden. Abschließend wurde die Rolle von Oberbürgermeistern thematisiert. Das Amt gleiche einem „Zehnkampf“ und könne strukturell überfordern. Kurz stellte deshalb die starke Konzentration politischer Führung auf eine einzelne Person infrage und verwies auf kollektive Führungsmodelle, etwa in der Schweiz. Schneidewind regte an, dass Stärken von Führungspersönlichkeiten genutzt, zugleich aber deren Schwächen durch ein unterstützendes Umfeld abgefedert werden sollten.

Prinzipien guten Städtebaus

Eine lebenswerte Stadt braucht Orte, an denen Menschen sich sicher und wohl fühlen, Kontakte knüpfen und unterschiedliche Aktivitäten stattfinden können – so lautete die zentrale These von Helle Søholt vom Kopenhagener Büro Gehl People.  In ihrem Vortrag plädierte sie für einen konsequent menschenzentrierten Ansatz der Begegnung und Zugehörigkeit. Drei Themen stünden dabei im Mittelpunkt: öffentlicher Raum, Wohnen und integrierte Mobilität. Öffentliche Räume seien entscheidend für Lebensqualität, Inklusion, Begegnung und Zugehörigkeit. Wohnen sollte nicht ausschließlich als Marktgut, sondern als Teil der sozialen Infrastruktur verstanden werden. Da der private Markt diese Aufgabe nicht ausreichend erfülle, seien neue Finanzierungs- und Organisationsmodelle erforderlich. Als Beispiel wurde Dänemark genannt, wo ein gemeinnütziges, langfristig angelegtes Finanzierungssystem bezahlbaren Wohnraum ermöglicht.

Helle Søholt vom Kopenhagener Büro Gehl People
Helle Søholt vom Kopenhagener Büro Gehl People

Bei der Mobilität gehe es um die Verbindung von Fußverkehr, Radverkehr und öffentlichem Nahverkehr. Stadtgestaltung solle gesunde und nachhaltige Alltagsentscheidungen erleichtern und gleichzeitig Klima- und Gesundheitsziele unterstützen. Ein wichtiger Bestandteil des „Gehl-Ansatzes“ sei darüber hinaus die Nutzung von Daten. Beobachtet werden solle, wer öffentliche Räume nutzt, welche Aktivitäten stattfinden und wer ausgeschlossen bleibt. An Projekten wie der Umgestaltung des Kopenhagener Hafens oder des Times Square in New York zeigte Helle Søholt, wie Pilotprojekte konkrete Veränderungen sichtbar machen können. Zum Abschluss formulierte sie vier Empfehlungen: lokales Handeln vorantreiben, Leuchtturmprojekte nutzen, Entscheidungen auf Daten und Beteiligung stützen sowie politische, finanzielle und städtebauliche Instrumente verbinden.

Panel II – Städte verwandeln, komplexe Stadtgebiete umbauen

Die zweite, von Petra Voßebürger moderierte Podiumsdiskussion mit der Aachener Stadtbaurätin Frauke Burgdorff, Bernhard Faller (vhw) und Leon Legeland von Gehl People beschäftigte sich mit der Frage, wie Städte angesichts großer Transformationsaufgaben handlungsfähig bleiben. Im Mittelpunkt standen die praktische Umsetzung, Kooperationen zwischen öffentlicher Hand und privaten Akteuren, kleinteilige Eigentumsstrukturen sowie die Frage, welche Instrumente Kommunen für die Stadtentwicklung benötigen. Frauke Burgdorff betonte, dass Städte nicht nur Visionen entwickeln, sondern vor allem funktionieren müssten: Abwasser und Frischwasser, Verkehr, Straßen, Baustellen und öffentliche Räume müssten zuverlässig geplant und umgesetzt werden. Gute Stadtentwicklung entstehe deshalb auch durch die Qualität der konkreten Arbeit vor Ort. Transformation dürfe nicht dazu führen, dass die alltägliche Funktionsfähigkeit der Stadt aus dem Blick gerate. 

Leon Legeland schilderte die Perspektive eines externen Beraters. Deutschland könne von Erfahrungen aus Kopenhagen und anderen Städten lernen, zugleich gebe es hier zahlreiche gute Projekte, die international weniger bekannt seien. Externe Planer hätten den Vorteil, dass sie nicht in bestehende Konfliktstrukturen eingebunden seien. Sie könnten neue Perspektiven, Erfahrungen und Visionen einbringen und dadurch festgefahrene Prozesse in Bewegung bringen.

Diskussionsrunde mit Leon Legeland (Gehl People), Bernhard Faller (vhw), Frauke Burgdorff (Stadt Aachen) und Moderatorin Petra Voßebürger (v.l.)
Diskussionsrunde mit Leon Legeland (Gehl People), Bernhard Faller (vhw), Frauke Burgdorff (Stadt Aachen) und Moderatorin Petra Voßebürger (v.l.)

Bernhard Faller lenkte den Blick auf ein grundlegendes Problem der deutschen Stadtentwicklung: Die großen Flächenpotenziale seien weitgehend aufgebraucht, während sich die Entwicklung zunehmend auf kleinteilige Innenentwicklung konzentriere. Dadurch werde häufig grundstücks- und vorhabenbezogen geplant, während die Dimension des gesamten Quartiers oder der Stadt aus dem Blick gerät. Es bestehe die Gefahr, dass bei jedem Einzelprojekt versucht wird, möglichst viele Probleme gleichzeitig zu lösen, anstatt größere Zusammenhänge und Lebensqualität im Quartiersmaßstab zu betrachten. Für sogenannte „Kuddelmuddel-Gebiete“ sei die Situation besonders schwierig. Dort gebe es nicht den einen Investor oder Eigentümer, mit dem sich eine Entwicklung koordinieren lässt. Stattdessen müssten zahlreiche Eigentümer mit unterschiedlichen Interessen zusammengebracht werden. Faller plädierte deshalb für stärkere Kooperationen zwischen öffentlicher Hand und privaten Eigentümern. 

Abschließend gab Prof. Dr. Jürgen Aring, Erster Vorstand des vhw, einen Ausblick. Es gelte nun, strategischer voranzugehen und die positiven Narrative durchsetzen. Auch wies er in diesem Zusammenhang noch einmal auf den 80. Geburtstag des vhw und auf die Zeitspannen hin, die es bei der Planung zu bedenken gelte – eben: ans „Übermorgen“ zu denken.

Nach oben