Ausgangslage
Das Quartier hat eine Bedeutung als Interventionsebene für Stadtentwicklungsprojekte, es dient als normative Orientierung für die Konzeptualisierung von Stadtentwicklung und es bietet den Bezugspunkt zur Theoretisierung eines raumbezogenen Verständnisses von Demokratie, Bürgergesellschaft und nachhaltiger Stadtentwicklung. Doch es bleibt eine abstrakte und menschenleere Planungsdimension, wenn die dort lebenden Menschen in ihrer Identität nur nachgeordnet wahrgenommen werden. Dies birgt das Risiko erschwerter Adressierbarkeit, fehlender Veränderungsbereitschaft oder nicht gelingender Verstetigung.
Insbesondere für eine akteursorientierte und auf Quartiersebene wirkende Praxis ist es daher notwendig, Quartiere als Geflecht lebensweltlicher Wahrnehmungen und Handlungen zu verstehen und somit Nachbarschaften, deren Konstitutionsbedingungen, Handlungslogiken und Bedeutungen in den Fokus zu rücken.
Ziel
Dieses Desiderat ist eines der zentralen Ergebnisse der ebenfalls vom vhw beauftragten Pilotstudie „Potenziale postmoderner Nachbarschaften“ (Oehler & Drilling 2011; Drilling, Oehler & Käser 2017). Daraus ergeben sich folgende Fragestellungen für eine weiterführende Hauptstudie:
- Wie entstehen Nachbarschaften unter dynamisch wechselnden (postmodernen) Bedingungen?
- Wie funktionieren Nachbarschaften und unter welchen Umständen werden sie durch die Menschen relevant gemacht?
- Welche Praktiken und Mechanismen der Vernachbarschaftlichung gibt es?
- Worin unterscheiden sich diese und was ist ihnen gemeinsam?
- Welche „Treiber“, „Katalysatoren“ oder „Mediatoren“ sind hier von Bedeutung?
- Welche Bedeutung haben Nachbarschaften für die Aufgaben intermediärer Institutionen und deren Arbeit mit den Kommunen?
- Was kann durch eine Fokussierung auf Nachbarschaften in der Planung und Steuerung von Quartieren und Städten ermöglicht werden (z.B.im Kontext von Partizipation)?
- Welchen Beitrag zur sozialen Kohäsion leisten Nachbarschaften in sich zunehmend ausdifferenzierenden Städten?
In klarer Unterscheidung zur Vorstudie zielt die Hauptstudie darauf ab, auf Basis einer Innenperspektive von Nachbarschaft, also aus Sicht der daran teilnehmenden (aber auch der davon ausgeschlossenen) Menschen selbst, Wissen darüber zu generieren, was Nachbarschaften konstituiert, welche Bedeutungen sie im gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext für Menschen haben und wie sie sich verstetigen (können). Dazu ist eine lebensweltliche Perspektive auf das Phänomen Nachbarschaft notwendig, die mit einer ethnographisch orientierten Einzelfallstudie – quasi einer „Tiefenbohrung“ – erreicht werden kann.
Es geht hierbei nicht um eine Bewertung von Nachbarschaften, sondern um eine Annäherung auf der Verstehensebene. Dadurch sollen einerseits eine Unter- sowie Überschätzung des lokalen Potenzials von Nachbarschaft sichtbar gemacht und andererseits Spielräume für politisches Handeln deutlich werden. Denn es ist die Innensicht, die für Akteurinnen und Akteure auf städtischer und lokaler Ebene regulierend sein sollte (Lebensweltorientierung, empowerment, etc.).
„In der Art und Weise, wie wir als Nachbarinnen und Nachbarn miteinander umgehen, spiegelt sich die soziale, kulturelle, politische und ökonomische Verfassung der Gesellschaft wider. Im Übergang von der Moderne über die Hochmoderne bis zur Spät- oder Postmoderne haben sich Nachbarschaften und die Perspektiven auf Nachbarschaft deutlich verändert“ (Schnur 2018: 5).
„Do the relatively subtle forms of communication between, and the weak social ties among, neighbours have more significant social value than often anticipated?” (Henriksen und Tjora 2013: 5).




