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Im Schmelztiegel – Stadtentwicklung zwischen Vielfalt und Sehnsucht nach Vereinfachung


6. Städtenetzwerkkongress in Mannheim!

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Egal, ob in Berlin, Kiel, Tübingen, Bergisch Gladbach oder Mannheim, das Thema beschäftigt alle. Stadtentwicklung geschieht heute unter den Bedingungen von Vielfalt. In den Städten treffen die  Meinungen, Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen von unterschiedlichen Menschen zusammen und aufeinander. Wie kann die öffentliche Aufgabe der Stadtentwicklungspolitik diesem Fakt gerecht werden und dabei Steuerung und Überblick behalten?
Etwa 100 Interessierte aus Politik, Bürgerschaft, Kommunen und Wissenschaft trafen sich am 22. Juni 2017 für einen gemeinsamen Austausch erstmals in Mannheim, im schönen Kongresszentrum der Neckarstadt, dem Rosengarten.

vhw-Vorstand Prof. Dr. Jürgen Aring: Vielfalt sind nicht immer nur "die anderen"

Vielfalt, so Jürgen Aring, ist für den vhw ein ganz zentraler Begriff. Wir leben in vielfältigen Stadtgesellschaften, die nicht nur New York oder London heißen, sondern auch Mannheim, Berlin und Köln. Vielfalt, das bedeutet nicht immer nur "die anderen", sondern es ist auch die eigene Wahrnehmung, die unterschiedlich bewertet. Ohne Toleranz gelingt es nicht, mit den Herausforderungen von Vielfalt umzugehen. Als verlässliches Regulativ gelten Recht und Gesetz. Wenn wir aber einerseits die Rechte der Minderheiten fordern, was ist dann andererseits mit den Rechten der Mehrheiten? Dissens in den Rechtsansprüchen? Die salomonische Antwort lautet oft: Gesellschaftliche Arrangements!
Im Umgang mit den Herausforderungen von Vielfalt ist auch der Wunsch verbunden, in den Lösungen einfach sein zu können. Im Alltag von Stadtentwicklung ist aber spürbar, dass das Planen und Gestalten oft mit langen Prozessen, Überraschungen in den Verfahren, vielfältigen Interessen und unübersichtlichen Folgen einhergeht und somit keine einfachen Antworten ermöglicht. Nutzen wir nun diesen Kongress, um unsere Erfahrungen miteinander auszutauschen.

Stadtentwicklung im Wandel: Dr. Peter Kurz, Mannheims Oberbürgermeister und vhw-Verbandsratsvorsitzender fesselte die Zuhörer

"Die Fragen zu Vielfalt sind aktueller denn je.", so der Oberbürgermeister. "Der vhw hatte vor fünf Jahren offenbar ein gutes Gespür für so ein heutiges "Megathema". Auch ich hätte gern einfachere Antworten, aber sie sind nicht einfach. Unsere Stadt ist ein gutes Beispiel dafür, dass das Nebeneinander von Traditionen Vielfalt gestaltet – Mannheim war Residenz-, Plan-, Kultur-, Handels- und Industriestadt. Heute leben hier 170 verschiedene Nationen."
Verstärkt hat sich, dass internationale Konflikte vor Ort hineinwirken. Unmittelbarer sind damit die Auswirkungen auf Stadtentwicklung geworden. Unsere gute Kommunikationsplattform in der Stadt hat uns dabei geholfen, eine lebendige Dialogfähigkeit zu pflegen. Und noch etwas hat sich verändert: Die politische Funktion der Verwaltung hat enorm zugenommen. Im Grunde sind wir als öffentliche Verwaltung darauf wenig vorbereitet.
Moderator Gerhard Augstein (Bild oben rechts), Journalist SWR, nutzte gleich die Gelegenheit und stellte Dr. Kurz noch ein paar Fragen.

Komplexität und Vielfalt: Migrationsforscher Dr. Mark Terkessidis: Wo ist die Agora dieser Gesellschaft?

Man hat das Gefühl ansteigender Komplexität und andererseits erlebt man eine Kommunikation, die einfacher und einfacher wird. Je mehr der mediale Bereich die Beziehung zur Vielheit verliert, um so mehr konzentriert er sich auf die "alten" Zielgruppen, was übrigens auch dem medialen Bereich selbst immer weniger nutzt. So erreicht das Leitmedium Fernsehen seine Nutzer im Durchschnittsalter von 45 Jahre. Wo also ist die Agora dieser Gesellschaft?
Komplexität bedeutet im Gegensatz zu Kompliziertheit: Ich kann es nicht mehr "aufdröseln". Es ist in einer komplexen Gesellschaft schwierig, Folgen von Ereignissen vorherzusagen. Das heißt aber auch, es bleibt nichts anderes übrig als zu experimentieren. Das ist etwas, was Verwaltung sehr schwer fällt. Deutschland hat einen sehr hierarchischen Arbeitsstil, der das Experimentieren nicht gerade befördert.

Moritz Neumeier statt Mittagessen – Überraschungsgast mit Botschaft

Der Schleswig-Holsteiner nimmt seit 2008 an Poetry Slams in Deutschland, Österreich und der Schweiz teil. Er war Slam Master und Moderator eigener Poetry Slams, unter anderem in Kiel, Lüneburg und Hamburg-Bergedorf.  Er erzählte in Mannheim pointiert die Geschichte (s)einer Jugend in einer Dorfgemeinschaft, verwies darauf, kein Stadt-Experte zu sein und holte die Verhaltensweisen eines Jugendlichen bei seinem Auszug in die Stadt sehr wohl in die Verhaltensanalogien, die uns allen bekannt sind. Neue Situationen, die fremd sind, machen Menschen mitunter Angst. Das Schlimme, so Neumeier,  ist aber nicht die Angst, sondern sind die Abwehrmechanismen. So können aus Menschen, die Angst haben, Menschen werden, die wütend sind. Und die gehen dann – sehr verkürzt zusammengefasst – zu Facebook und merken, dass sie Recht haben. Er aber hat gelernt, den Argumenten aus Gefühlen und Phrasen entgegenzureden. Und das müssen wir alle tun, immer wieder.  "Moritz Neumeier ist vieles. Vor allem ist er aber radikal." so die Szene Hamburg. In jedem Fall war es ein mentaler Genuss.

Vier parallele Workshops am Nachmittag

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In vier parallenen Workshops wurden anschauliche Beispiele zu aktuellen Stadtentwicklungsfragen behandelt. Kleine Inputs – jeweils zu Beginn des Workshops  – bildeten die Grundlage für die anschließende Diskussion mit den Teilnehmern.

Stadtentwicklung unter den Bedingungen von Vielfalt

Workshop 1: Andreas Bomheuer (Bild rechts), Geschäftssbereichsvorstand Kultur, Integration und Sport, aus der Ruhrmetropole Essen sowie Bernd Hallenberg, vhw e. V., gaben kurze Inputs zu den Herausforderungen von Stadtentwicklung unter den Bedingungen von Vielfalt. Moderiert wurde der Workshop von Sebastian Beck, vhw e. V.

Gemeinsam Bauen: Planer, Nachbarn, Investoren, Nutzer

Workshop 2: Prof. Dr. Heidi Sinning (Bild rechts) vom Institut für Stadtforschung, Planung und Kommunikation der Fachhochschule Erfurt gab einen Input zu Sharingansätzen im Bereich Wohnen und Quartier. Achim Judt, MWS Projektentwicklungsgesellschaft aus Mannheim konnte aus den Erfahrungen zum Thema Konversionsflächengestaltung mit den Bürgern berichten.
Moderiert wurde der Workshop von Dr. Frank Jost, vhw e. V.

Öffentliche Räume zwischen Einfalt und Vielfalt

Workshop 3: Dr. Daniela Karow-Kluge (2. von rechts im mittleren Bild) von der RWTH Aachen und Dr. Cornelia Peters (2. von links im mittleren Bild) von der Behörde für Umwelt und Energie in Hamburg hielten kurze Einführungen mit Beispielen aus den Städten. Danach wurde im kleinen Kreis intensiv diskutiert. Moderiert wurde der Workshop von Prof. Dr. Jürgen Aring, Vorstand vhw e. V.

Quartiere und Nachbarschaft im Wandel

Foto Workshop beim Städtenetzwerkkongress
© vhw

Workshop 4: Dr. Ingeborg Beer (Bild links), Stadtforschung + Sozialplanung aus Berlin, Harris Tiddens (Bild rechts) vom Institut für Stadt- und Umweltstudien der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaftten in Peking und Dr. Marcus Andreas von alephi research aus Berlin gaben ihre interessanten Inputs, um danach gemeinsam mit den Teilnehmern viel miteinander zu diskutieren. Moderiert wurde der Workshop von Dr. Thomas Kuder, vhw e. V.


Podiumsdiskusion: Komplex, aber verständlich? Stadtentwicklung im Kontext von Vielfalt

Nach den Workshops und einem stärkenden Kaffee moderierte Gerhard Augstein, SWR,  die Podiumsdiskussion mit unseren drei Gästen: Prof. Elke Pahl-Weber von der TU (Bildmitte), Berlin, Prof. Dr. Otfried Jarren (im Bild rechts) von der Universität Zürich und Prof. Dr. Klaus Selle (im Bild links) von der RWTH, Aachen. Und ja, die erste Frage des Moderators nach dem Praxisbezug belegten alle drei gleich mit Beispielen. Wie wir morgen leben? Diese Frage nach der Zukunft unserer Städte können wir nicht wirklich beschreiben, so Prof. Pahl-Weber. Neue Funktionszusammenhänge und dass sich die physischen Gegebenheiten, wie private und öffentliche Räume ändern werden, sind sehr wahrscheinlich. Und es muss sich ändern, denken wir nur an unseren Flächenverbrauch. Prof. Jarren stimmte dem zu, verwies auf den Rückgang der Vielfalt und die Bedeutung der Nachhaltigkeit. Die Digitalisierung wird uns helfen, einige Dinge anders zu entwickeln als bisher. Prof. Selle will dabei zwischen Stadt und Stadtgesellschaft unterscheiden. Die Stadt verändert sich deutlich langsamer als ihre Gesellschaft. Und in der Rolle des Bürgers bei der Gestaltung von Stadt sind wir alle mal Betroffene, mal Marktakteure oder Teilhabende. Viel hat sich verändert. Nur, in letzter Zeit endet Teilhabe zu oft in der Ecke der Konfrontation. Da muss sie wieder raus.  Alle drei sehen sich hier in ihrer Rolle als Experten in der Pflicht, sich dafür einsetzen, wieder anders, auch verständlicher darüber zu reden. Lange Planungsräume, die generationsübergreifend, mit personellen Wechseln und verschieden Interessen verbunden sind, sind nun mal Tatsachen. Und oft werden diese Prozesse nicht mehr von den Medien über alle Etappen begleitet. Ohne eine gut funktionierende Kommunikationsstrategie, schätzen die Experten ein, wird keine nachhaltige Stadtentwicklung möglich sein. Es braucht eine Arena, wo verschiedene Perspektiven auch ausgetragen werden können. Aushandeln statt "beteiligen lassen" mit Führungskompetenz der Politik.

Immer wieder: viel Austausch beim Get together

Sich wiedertreffen, Neues berichten oder sich erst einmal kennenlernen. Die Get together begleiten alle großen Veranstaltungen des vhw und werden immer gern genutzt.

Ein ausführlicher Bericht erscheint in der nächsten Ausgabe der Forum Wohnen und Stadtentwicklung.