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Städtenetzwerkkongress 2015: Lebensgefühl MITTENDRIN - zwischen Markt und Mitwirkung


Die Entwicklung lebendiger Innenstädte und Ortszentren ist Ziel einer nachhaltigen Stadtentwicklungspolitik

Über 100 Gäste aus Bonn, Berlin und Bocholt, Hamburg bis München kamen zum 5. Mal in die Kalkscheune, um impulsgebende Beiträge zu zentralen Fragen der  Stadtentwicklung zu hören und sich untereinander auszutauschen. Moderiert wurde die Veranstaltungvon Dr. Diana Coulmas (Bild links), vhw.

Die 5. Städtenetzwerkveranstaltung - zwischen vor Ort-Arbeit und aktuell brennenden Fragen

vhw-Verbandsratsvorsitzender Dr. Peter Kurz (Bild links) begrüßte die Gäste herzlich zum fünften Mal in der Kalkscheune. Jede Veranstaltung bekam bisher ihre praktrische Fragestellung - am 9. September nun der Markt und das Stadtgefühl. Wachstum, Beteiligung und die Frage: Wem gehört die Stadt? "Wohl dem", so Dr. Kurz, "der diese Frage stellen kann, denn bei schrumpfenden Städte stellt sich diese Frage erst gar nicht. Was uns aktuell umtreibt, ist die Zuwanderung, aktuell müssen wir in Mannheim vor allem stabile Strukturen der Koordination schaffen, um zu versorgen."

Welche Marktkräfte wirken auf die innerstädtischen Quartiere?

Von der Bergischen Universität Wuppertal sprach Prof. Dr. Guido Spars zum "Mittendrin". Das Mittendrin -  schon im Mittelalter die "DNA", aus der sich Stadtentwicklung speiste. Wir haben in den Städten eine enorm große Nutzungskonkurrenz und eine hohe Frequenz, die zu einer Knappheit der innerstädtischen Flächen führen. Der Beitrag von Prof. Dr. Guido Spars

Kreative als Motoren der Stadtentwicklung - realistisches Szenario oder planerisches Wunschdenken?

Dr. Sonja Beeck, Geschäftsführerin von Szenografiebüro chezweitz und der ersten Baugruppe für kulturelles Gewerbe in Berlin, gab eine Überblick: Jedes 5. Unternehmen in Berlin kommt mittlerweile aus der Kreativwirtschaft wie Architektur, Musikwirtschaft, Verlag, Presse, Rundfunk, Werbung, Künste und auch Gaming & Internet. 186.000 Menschen arbeiten in Berlin im Kreativsektor. Jährlich kommen 30.000 Jobs pro Jahr in der Hauptstadt hinzu. Das ist eine Kraft, die gut schafft. Normale Büroetagen taugen in der Regel als Arbeitsplätze nicht. Vielmehr ist jeder Gewerbehof in Kreuzberg und Mitte mittlerweile gut besetzt. Kreative brauchen "ihre" Räume, um sich als Kraft zu entfalten. Im Beispielprojekt (rot markiert) in der Friedrichstraße ist etwas außergewöhnliches passiert: Grundstücke in zentraler Lage sind nicht zu Höchstpreisen vergeben worden, sondern in einem Konzeptverfahren. Der Beitrag von Dr. Sonja Beeck

Mittel- und Kleinstädte: stark von innen oder Stärkung von außen?

Aus der Stadt Bocholt kam die Fachbereichleiterin für Stadtplanung und Bauordnung, Andrea Döring, um ihre Erfahrungen aus dem Netzwerk Innenstadt in Nordrhein-Westfalen vorzustellen. Stadt ohne Innenstadt? Geht gar nicht. Städte sind Ort der Identifikation. Es gab viele unterschiedliche Ansätze für Innenstadtentwicklung und diese sollten aus der Praxis für die Praxis nutzbar gemacht werden. Mit 20 Mitgliedern begann es 2009, mittlerweile sind es 82 Städte. Veranstaltungen sind unser Hauptmodul, sich zusammenzufinden und auszutauschen. Der Beitrag von Andrea Döring

Noch Zeit für ein paar Nachfragen und Antworten - Dr. Kurz "provozierte" mit dem Ökonomen Glaeser

Prof. Jens S. Dangschat (Bild links): Wo bleiben die Milieus? Dieser Frage ging nach der Mittagspause Bernd Hallenberg in seinem Beitrag nach. Bernd Hallenberg fragte nach der Art der Bürgerbeteiligung in NRW, die Frau Döring mit "einem großen Spektrum" beantwortete, zuerst Information, dann eine Fragenbogenaktion, danach wurden die Ideen präsentiert, Fokusgruppen haben zuvor bewertet und am Ende wurde dann im Zukunftsforum alles vorgestellt.
Dr. Peter Kurz (Bild rechts) "provozierte" mit dem amerikanischen Ökonomen Edward Glaeser und dem Schluss aus seinem Buch "Triumph of the City": Wir wollen immer die Kräfte des Marktes zähmen, Glaesers Gegenthese ist aber: Vieles davon ist schädlich, denn mit diesem Ansatz arbeitet ihr immer gegen Verdichtung. Die Verdichtung ist aber genau das, was Städte treibt, was Kreativität fördert. In der aktuellen Stadterfahrung treten immer wieder auch Gruppen auf, die sagen, Innen- vor Außenentwicklung. Bei jedem konkreten Innenprojekt lehnen sie Verdichtung ab, also wo sollen die Wohnungen dann gebaut werden? Lesen wir da vielleicht eine Idylle hinein, die ökonomisch gar nicht zu vertreten ist?
In der Mittagspause wurde gut regional gegessen und viel gesprochen.

Mittendrin: Eine Frage von Lebensstil und Lebensphase?

vhw-Forschungsbereichsleiter Bernd Hallenberg gab einen Einblick in die Städtenetzwerkarbeit, die auch auf der Milieu- und Lebenstilforschung basiert. Es geht um Menschen, ihr Verständnis von Urbanität und wie sie damit umgehen. Kumulierte Wanderungsbewegungen zeigen, dass es 2011 einen Knick von der Re- zu Suburbanisierung gegeben hat. Es gehen wieder mehr Menschen ins Umland, als in die Städte dazu kommen. Warum? Das Angebot in den Städten wird teurer. Die Innenstädte werden jünger im Vergleich zu den Gesamtstädten, allerdings abhängig von der aktuellen Entwicklung. In Essen haben wir z. B. 40 Prozent höhere Anteile von Jüngeren als in der Gesamtstadt, in Berlin sind es 10 Prozent. Mit der Lebensstilforschung kann differenziert angeschaut werden, wer in der Innenstadt wohnt. Die Mikrogeografie hilft uns, räumlich genauer zu bestimmen, wo welche Milieus in den unterschiedlichen Wohnstrukturen leben und zusammen mit der Lebensstilforschung, auch ihre Bedarfe zu beschreiben. Der Beitrag von Bernd Hallenberg

Wem gehört die Innenstadt? In drei parallelen Workshops zu verschiedenen Themen wurde diskutiert.

Workshop I: Wohnen & Aufwerten - zwischen hochpreisigen Lofts und sozialem Wohnungsbau mit Dr. Jürgen Büllesbach (Bildmitte), Ceo der Bayerischen Hausbau München und Thomas Helfen (Bild rechts), Quartiersmanagement Flughafenstraße Berlin-Neukölln. Moderiert wurde der Workshop von Sebastian Beck, vhw.

Workshop II: Identität & Öffentlicher Raum - konsumieren oder engagieren? Von stadtforschen.de hielt Antje Havemann (Bild rechts) aus Hannover einen kurzen Impulsbeitrag. Von der Landeshauptstadt Saabrücken ergänzte Dr. Rena Wandel-Hoefer mit ihren kompetenten kommunalen Erfahrungen als Beigeordnete im Baudezernat. Gemeinsam mit dem Moderator Dr. Thomas Kuder, vhw, führten sie zu dritt die Diskussion mit dem Publikum.

Workshop III: Kreative Impulse & Umgang mit Vielfalt - die Schubkraft in problematischen Stadtquartieren. Aus der Stadt Essen barchte der Geschäftsbereichsvorstand für Kultur, Integration und Sport, Andreas Bomheuer (Bild rechts), seine Erfahrungen ein. Ergänzt wurde durch den Einführungsbeitrag von Oliver Brügge (Bild links), Vorstand der Montag-Stiftung "Urbane Räume" aus Bonn. Dr. Frank Jost, vhw, moderierte.

Wem gehört die Mitte? Eine Diskussion über Wohnungsmarkt, Verdrängung und Bürgermitwirkung in den innerstädtischen Bereichen von Berlin

Die stellvertretende vhw-Kuratoriumsvorsitzende Frau Prof. Dr. Heidi Sinning (Bild Mitte, obere Reihe) stellte die zwei Diskussionsteilnehmer vor: den Stadt- und Regionalplaner und ehemaligen Quartiersmanager Hans Panhoff (Bild links, obere Reihe), jetzt Stadtrat im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und Dr. Andrej Holm (Bild rechts, obere Reihe), der seit vielen Jahren zu den Schwerpunkten Gentrifizierung und Wohnungspolitik am Institut für Sozialwissenschaften, Stadt- und Regionalsoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin forscht. Bei der Gentrifizierung begegnet der Markt dem Bürger. Für wen werden denn nun die Quartiere entwickelt?
Hans Panhoff: Friedrichshain-Kreuzberg ist sicher ein prototypischer Bezirk. Es gibt ja die Gentrifizierungsdebatte in Berlin, auch angestoßen von der Wissenschaft. Bleiben oder Modernisierung? Der Milieuschutz hilft natürlich. Ein Viertel (64.000 Menschen) der Friedrichshain-Kreuzberger lebt in einem solchen Gebiet. Stadtrat Panhoff splittet in Bestandbau und Neubau. Was wir nicht wollen ist, dass die gestiegene Attraktivität innerstädtischen Lagen in den Bestand geht und Bestandsmieter verdrängt. Dr. Holm zur Verdrängungssituation: Wie werden eigentlich Investoren in die Lage versetzt, das Geld zu schöpfen? Die Transaktion mit Grundstücken, also mit Freiflächen, liegt bei einem Volumen von 1 Mrd. Euro, bei Bestandsgrundstücken ist es von 3 auf 9 Mrd. Euro gestiegen. Da liegen doch die Ursachen woanders. Die Verdrängung des Gemüseladens ist dabei nur die Oberfläche. Das Thema brachte viel Diskussion auf.

Ausblick des vhw-Vorstandes und anschließendes Get together

Prof. Dr. Aring (Bild links, obere Reihe) bedankte sich bei allen impulsgebenden Referenten, den teilnehmenden und diskutierenden Gästen und den Organisatoren. Fünf Jahre Stärkung lokaler Demokratie, eine gute Zeit des Ausprobierens und vieler Erfahrungen. Am Anfang standen beim vhw viele Ideale, die in die Praxis übertragen werden mussten und sich auch an ihr rieben. So haben wir Konzepte entwickelt, angepasst und viel vor Ort gelernt. Letzten Herbst setzte nun eine wichtige Reflexionsphase zum "Wie weiter machen?" ein. "Kein Dialog ohne Inhalt" ist eine der Erkenntnisse. Wir haben zudem den Blick von der großen Bürgerbeteiligung nach deliberativen Prinzipien auf echte Prozesse in der Stadtentwicklung gelenkt. Unsere Verfahren müssen dem entsprechen, daran ist immer wieder zu arbeiten. Im Zentrum unseres Denkens steht die repräsentative Demokratie, wir suchen keine Alternativen, sondern wollen entsprechend der gesellschaftlichen Veränderung modernisieren. Alle unsere Beteiligungsverfahren stehen in diesem Bezug und sollten am Ende über ein "zur Kenntnis genommen" hinauswirken. Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit im Städtenetz mit allen Partnern der Stadtentwicklung.
Beim kleinen Get together wurde entspannt weiter diskutiert.